Helmi Ohlhagens Lichtkunstwerk Siebensiebenzwölfnullsieben

Christa Lichtenstern

Marburg ehrt die heilige Elisabeth, durch die die Stadt in ihrer Geschichte fortwährend geprägt worden ist, mit einem weithin sichtbaren Zeichen, einem Zeichen, das durch das ganze Jubiläumsjahr 2007 hindurch leuchten wird, ja, das von jedermann per Telefonanruf noch verstärkt zum Leuchten gebracht werden kann. Ein Zeichen also, das sich der Mittel unserer Mediengesellschaft bedient. Es wird ganz real durch Interaktion belebt, die ihrerseits sozialen Zwecken zufließt. Mithin Kunst, die sich sozial auswirkt. So weit, so modern.

Siebensiebenzwölfnullsieben . Großneon . 8 x 8 m . Kaiser-Wilhelm-Turm, Marburg . © Foto: Horst Fenchel, Marburg

 

Schauen wir uns diese Auftragsarbeit genauer an. Drei Aspekte bieten sich an: Wer ist die Künstlerin Helmi Ohlhagen? Was genau stellt ihr Lichtkunstwerk dar und wie passt es mit ihrer bisherigen Arbeit zusammen? In welchen Dialog trat Helmi Ohlhagen ein, als sie ihr Motiv aus dem Ornamentsystem des Westportals der Elisabethkirche herauslöste? Welches Realsymbol hat sich hier schlussendlich verdichtet und welche Mitteilung gibt es an uns heute weiter? […]

Helmi Ohlhagens etwa 8 Meter großes Lichtobjekt erforderte in der Herstellung äußerste Präzision, wobei die Firma biber-neon aus Bebra ihr Bestes gab. Die mit dem Mund geblasenen Lichtrohre liegen in unterschiedlicher Höhe und Stärke jeweils auf Aluwannen auf, die ihrerseits von einem Stahlgerüst getragen werden. Im Falle der aufrecht stehenden Pflanzenranke wurde die Wanne violett lackiert. Bei der aus gelben Lichtrohren bestehenden Herzform wurde sie tiefrot lackiert mit dem Effekt, dass hier ein zinnoberrotes Leuchten entsteht. Diese Farbe und dieses Licht verändern sich je nach Distanz des Betrachters. In der Nahsicht stellt sich ein warmer Lichteindruck ein. Auf größere Entfernung gesehen, zum Beispiel auf 2 km Luftlinie hinüber zur Stadt, dominiert eher ein kühleres Rot, da das gelbe Licht nicht so weit durch die Luftschichten hindurch dringt. Im bewussten Gegensatz zu der aufgerichteten violetten Blattranke, die immer strahlt, kommt das Herz nur bei Anruf zum Leuchten, strahlt allmählich „wie ein langer Atemzug“ auf (Helmi Ohlhagen im Gespräch), um dann nach Ende des Telefonats ebenso langsam wieder zu verglimmen.

 

Siebensiebenzwölfnullsieben . Großneon . 8 x 8 m . Kaiser-Wilhelm-Turm, Marburg . © Helmi Ohlhagen

 

Diese Verzeitlichung des Lichtes ist Helmi Ohlhagen wichtig; und sie ist es auch, die eine erste Brücke zu ihren Bildern schlägt. Hier hält sie die Farbschichten transitiv auf der Fläche im Werden und Vergehen. Aber auch der klare Umrissstil ihrer Linien in Siebensiebenzwölfnullsieben mutet für den Kenner ihrer graphischen Arbeiten und Gemälde vertraut an. Ich denke zum Beispiel an eine Darstellung aus ihrem eindrucksvollen Gemälde-Zyklus Schlangenhaus, die Ubbelohdes Sterntalermädchen als Umrissfigur zitiert und zugleich verfremdet, indem sie ihren Oberkörper in eine Farbschicht wie in eine eigene Atmosphäre eintauchen lässt. Die Figur erscheint so, als sei sie in die Farbe hinein entrückt. Mit weiteren Zitaten verfahrt die Künstlerin ähnlich, um so ihren Bildmitteilungen eine geheimnisvolle Dimension zu geben.

 

 

Sterntaler . 2002 . Öl über Acryl auf Nessel . 180 x 90 cm .
© Helmi Ohlhagen

 

Eine derartige über die autonomisierte Farben- und Liniensprache vollzogene Verfremdung des Zitats unternimmt nun Ohlhagen in Siebensiebenzwölfnullsieben ins Signethafte gewendet und notwendig vereinfacht und monumentalisiert. So wie wir das Sterntalerkind auf seiner Suche nach Geborgenheit neu wahrnehmen und damit dem Grimmschen Märchen eine weitere Sinnschicht hinzugewinnen konnten, so bleibt auch in Siebensiebenzwölfnullsieben ein eigenes Spannungsverhältnis von Original und Zitat zu entdecken.

Um dies zu tun, müssen wir uns vor das Westportal der Elisabethkirche begeben. Von jeher war Helmi Ohlhagen von dessen einzigartiger Gesamtkomposition fasziniert. Während ihres Studiums betrieb sie Kunstgeschichte mit künstlerischem Blick (wie übrigens schon die Gründer dieses Faches) und blieb dabei offen für theologische und andere Symbolbezüge. Es konnte ihr nicht schwer fallen, sich in den Anschauungshunger der herannahenden Pilgerscharen zu versetzen und deren Staunen vor dem Portal nachzuvollziehen. Welch eigenes Bildprogramm erwartete die Gläubigen hier? Sie sahen die Patronin des Deutschen Ordens, Maria, gekrönt auf dem Trumeaupfeiler stehend, hoch in das Tympanonfeld hineinragend. Vom Baldachin überfangen, der auf die Stadt Jerusalem verweist, steht sie als Himmelskönigin in leichtem gotischen S-Schwung anmutig da. Ihre Reinheit offenbarend, zeigt sie das Lilienzepter dem Christuskind auf ihrem linken Arm. Dieses ist mit dem Globus in der Hand als zukünftiger Weltenherrscher charakterisiert. Als Herr des Himmels und der Erde wird er ausgewiesen durch zwei, ihm kniefällig huldigenden Engel, die ihm je eine Krone reichen. In seine Blickrichtung, das heißt zur Rechten seiner Mutter, breitet sich ein dichter, früchtereicher Rebenstock aus, während auf der anderen Seite nicht weniger voll und lebendig ein Rosengarten aufblüht. Die Rose als mariologisches Symbol tritt hier dem aus dem Johannes-Evangelium (15. Kap.) bekannten Christus-Sinnbild zur Seite: „Ich bin der Rebstock, Ihr seid die Reben“. Gefasst wird dieser ganze vegetabilische Tympanon-Kosmos, der Maria und Christus hinterfängt, durch eine am Rand umlaufende schmale Efeuranke. Efeu als immer grünende Pflanze, die sich gern an ihren Unterhalt klammert, wurde als Zeichen der Ewigkeit, aber auch als Symbol unwandelbarer Treue verstanden. So könnte man in dieser Einfassung auch ein Treue-Gelöbnis von Seiten der Gläubigen mitlesen.

 

Marburg, Elisabethkirche, Türbeschlag am Westportal, um 1270

 

Musste der Pilger zu den heiligen Gestalten des Tympanonfeldes emporblicken, so war ihm die ornamentale Gestaltung der beiden eisenbeschlagenen Türen mit ihren antik-romanisierenden Löwenköpfen als Türklopfern ungleich näher gerückt. Was haben sich die Schöpfer dieses aufwendigen schmiedeeisernen Schmuckes gedacht? Sollte hier wirklich nur ein reines Dekorum gemeint sein? Ist so etwas im Mittelalter für einen so bedeutsamen Ort, dem von den Pilgern ersehnten Eingang zum Allerheiligsten und zum Grab der Elisabeth, überhaupt denkbar? Die Literatur schweigt sich zu diesem Punkt weitgehend aus. Eine genauere Beschreibung und Deutung des auffälligen Türschmucks konnte ich nirgends finden. Überliefert ist, dass die beiden Türflügel mit rotem Lederbezug überzogen waren. Darauf lag das ursprünglich vergoldete (!) eiserne Schmiedewerk auf. Es zeigt uns auf jeder Tür als zentrales Motiv ein großes Kreuz als Abzeichen des Deutschen Ordens – Gold auf Rot – ein festlicher Akkord, der dem Selbstdarstellungswillen des Bauherren an dieser Stelle nur angemessen war. Die Form des Kreuzes erscheint mir angelehnt an das Brustkreuz des Hochmeisters. Dieses endete in Lilien, womit auf die Patronin Maria verwiesen wurde. Am Marburger Westportal werden die Lilien durch drei Blätter ersetzt, deren fünfteilige Gestaltgebung im gesamten Pflanzenschmuck der Türflügel beibehalten wird.

Um welche Pflanze handelt es sich? Um 1270 war dem mittelalterlichen Künstler der Naturbezug ebenso wichtig wie dessen symbolische Ausdeutung. Hält man die stereotyp wiederholte Blattformation dem Efeublatt oben im Tympanon zur Seite, so ist letzteres mit seiner dreifachen Gliederung und der lang herausgezogenen mittleren Blattspitze nicht vergleichbar. Wohl aber gehen die fünffach gegliederten Türflügelblätter mit dem Weinblatt oben eine Verbindung ein, wenngleich der ganze Pflanzendekor der Türen ungleich abstrakter und naturgemäß flacher gehalten ist.

Das gesamte Rankenwerk ist in spiegelbildlicher Entsprechung auf jeder Tür in drei Schichten aufgebaut, ja, deutlich komponiert: Unten entwickelt sich von außen nach innen das Motiv eines liegenden Lebensbaumes. Darüber folgt in der Mitte besagtes Kreuz, aus dessen Zwickeln jene Formation aufsteigt, die Helmi Ohlhagen für ihr Objekt herausgelöst hat: zwei herzförmig nach innen geneigte Blattvoluten, aus deren Zentrum steil eine Blattpflanze emporwächst. Darüber findet sich in der dritten Zone wiederum die von unten wiederholte breite Umrissform des Lebensbaumes, nun aber mit einer Abwandlung unserer Herzform und darüber mit drei Blütenkelchen gefüllt. Mit diesem dreifachen Gleichschritt erscheint das schmiedeeiserne Schmuckfeld der Türflügel in maßvollem Rhythmus nach dem Prinzip der Einheit in der Vielheit gegliedert.

Sollte es sich bestätigen (und diese Frage reiche ich an die Mediävisten weiter), dass es tatsächlich Weinreben sind, die dieses ganze Kreuz-Umfeld in festlicher Klarheit füllen und strukturieren, dann wäre damit gemäß Johannes 15 („Ich bin der Weinstock, Ihr seid die Reben“) die theologische Vorgabe der Nachfolge Christi anvisiert. In Marburg wirkten die Kreuzritter nach dem Vorbild der heiligen Elisabeth (die schon vier Jahre nach ihrem Tod, 1235, von Papst Gregor heilig gesprochen wurde) vor allem im Hospitalwesen. Darin suchten sie der Liebesbotschaft Christi, wie sie ausdrücklich in Joh. 15 formuliert ist, nachzufolgen: „Das ist mein Gebot, dass ihr euch untereinander liebet, gleichwie ich euch liebe“. Für die tätige, christliche Nächstenliebe und für keine andere steht das aus dem Kreuz entsprießende Herz, aus dem heraus der Trieb wächst, der ganz vertikal sich in seiner Aufrichtekraft behauptet.

Gerade an diesem vertikalen, in Helmi Ohlhagens Lichtkunstwerk violett gehaltenen Pflanzenspross fällt ein Detail auf, das die Künstlerin frei abwandelte: Bei ihr bleibt der Neigungswinkel der beiden unteren Blattstengel nicht gleich wie dem am Portal. Vielmehr wurde der obere leicht angehoben. Mit dieser minimalen Abweichung bringt sie mehr Leben und Wachstumskraft in ihren „Herzenstrieb“ – um einmal dieses schöne alte Wort, das hier so passend erscheint, zu benutzen.

Vermutlich war es Helmi Ohlhagen nicht bewusst, denn ich will ihre Bibelkenntnis auch nicht überstrapazieren, dass es für ihre graduelle Lichtauffüllung des Herzens unter anderem auch im Neuen Testament ein inspirierendes Vorbild gibt. So bei Paulus im 2. Korintherbrief: Christus „hat einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben“. Wenn man also in den nächsten zwölf Monaten aus welchen fröhlichen Anlässen auch immer, dieses „Elisabeth-Herz“ zum An-, Auf- und Ausleuchten bringen wird, dann darf man durch das moderne Event hindurch getrost eine tiefere, in unserer abendländisch-christlichen Kultur verwurzelte Mitteilung mitschwingen sehen. Für solche Durchblicke dürfen wir nicht den Sinn verlieren.

Wir sahen, wie uns die Künstlerin mit ihrem „Elisabeth-Herz“ animiert, den ganzen Türschmuck am Westportal genauer in den Blick zu nehmen. Zugleich öffnet sie ihrerseits mit ihrem modernen, die Zeit prozessual mit einschließendem Lichtobjekt ein absolut aktuelles und freilassendes Portal in das Jubiläumsjahr der Elisabeth von Thüringen. Befragt, was sie denn gerade mit dieser viel strapazierten Heiligen verbinde, sagt sie schlicht, dass sie die Art beeindruckt habe, wie sich die junge Königstochter den scheinbar Unbedeutenden, den Armen und den Vergessenen mit einer unglaublichen Liebeskraft zugewandt habe. Tatsächlich: Was hat diese Frau alles für persönliche Katastrophen überwinden müssen und können: Sie war sieben, als ihr Vater fern von ihr die Mutter enthaupten ließ. Im Traum erschien sie ihr und erflehte ihre Fürbitte. Sie war zwanzig, als ihr Mann als Deutschordensritter auf einem Kreuzzug starb und sie mit ihren drei Kindern von der Wartburg vertrieben wurde. Auf Umwegen wurde ihr dann Marburg als Sitz zugewiesen. 1229 gründet sie, inzwischen in den dritten Franziskanerorden (den Tertiarierorden) aufgenommen, ein Spital, in dem sie selbst hingebungsvoll und unter äußerster Aufopferung aller ihrer Kräfte die Kranken pflegt. Auf den ausdrücklichen Wunsch des heiligen Franziskus sendet ihr der Papst nach dessen Ableben, 1226, seinen Mantel zum Geschenk.

Elisabeth lebte ein franziskanisches Ideal vor, das Helmi Ohlhagen als Künstlerin, so darf man ruhig sagen, im übertragenen Sinne auch beschäftigt. Auch sie will aus Wenigem viel machen. Aber leicht muss es sein, leicht und immateriell. Genau darin erweist sich ihr Beitrag zu einer aktuellen Zeitströmung, wenn man bedenkt, welche begeisterte Zustimmung gegenwärtig die große Münchner Retrospektive des amerikanischen Lichtkunstpioniers Dan Flavin erhält. Angesichts seiner lapidaren Kompositionen mit Leuchtstoffröhren, die sogar die Auseinandersetzung mit Ikonen nicht scheuen, schwärmt die Presse von „zeitgemäßen Darstellungen des Immateriellen“. (Brita Sachs, FAZ, 29.11.2006).

Ich bin sicher, dass auch unsere Künstlerin (ohne sie mit Flavin vergleichen zu wollen), verdienterweise bald eine große Zustimmung ernten wird. Bei Ihrer Umsetzung eines mit christlicher Symbolik, wie ich meine, aufgeladenen Floralmotivs aus dem Westportal der Elisabethkirche ist es ihr, wie hier zu zeigen war, gelungen, der Liebesbotschaft der Heiligen eine neue, zeitgemäße Gestalt zu geben. Besser konnte der Auftakt zum Jubiläumsjahr in Marburg gar nicht ausfallen. Meinen Glückwunsch!

Der Textbeitrag ist erschienen in: Das Marburger Lichtkunstwerk Siebensiebenzwölfnullsieben von Helmi Ohlhagen. Mit Texten von Susanna Kolbe und Christa Lichtenstern. Jonas, Marburg 2007.