Helmi Ohlhagen — Gefäße oder?

Eckhard Kremers

 

Die Ersten, die mit ihren hohlen Händen Wasser schöpften anstatt direkt vom Fluss zu trinken, wussten noch nichts von den Gefäßen der Bandkeramiker, von kunstvollen Vasen und Bechern der Song- und Ming-Dynastien, von Meißen oder japanischer Teekeramik, deren Reflexe wir in Helmi Ohlhagens Bildern erkennen.

Die hohle Hand mag das Modell für die allerersten Gefäße gewesen sein und der wichtigste Kultursprung der Menschheit begann nach den ersten, selbst hergestellten einfachen Werkzeugen mit dem Gefäß, in dem man Gesammeltes und dann auch Flüssiges aufbewahren konnte.

Becher und Schalen verbinden uns mit der frühesten Geschichte der Menschen.

In ihrer Bowl-Serie malt Helmi Ohlhagen solche Schalen und Becher, die als räumliche Gebilde nun in das flache Bild integriert werden müssen. Das wirft, so wie sie malt, auch Fragen auf.
Jahrhundertelang haben Künstler sich bemüht die möglichst echte, perspektivisch richtige räumliche Darstellung der Antike zu entwickeln und dann nach den Verlusten des Mittelalters wieder zu entdecken, was schließlich in der Renaissance zu den verschiedenen ‚richtigen‘ perspektivischen Darstellungen führte, die nun jahrhundertelang die Abbildungen dominierten, bis von den Künstlern des frühen Kubismus die perspektivische Darstellung des Raumes in Frage gestellt und verändert wurde. Davon ist Helmi Ohlhagen nicht angefochten.
Schalen sind räumlich, Bilder sind flach, und so verschwinden die zwar exakten aber flüchtigen Formen in und hinter Farbschlieren und rauen, kratzig bis klumpig brösligen aber farblich hoch ästhetisch gesetzten Rakelspuren und Schleier.

Der Stefanos-Krater auf Nisyros, wo Helmi Ohlhagen jährlich mehrere Wochen verbringt, gerät im so benannten Bild zum Dish, zum Teller. Wir meinen einen einfachen Suppenteller mit hohem, weitem Rand unter der klumpig und bröslig aufgetragenen Farbe zu sehen, und doch bewahren diese Farbspuren etwas vom Charakter der rauen Vulkanlandschaft, die die Künstlerin auf Nisyros vorfindet, und die sie immer wieder aufsucht.

Das hochformatige Bild ist horizontal in zwei etwa gleich große Flächen unterteilt. Während im leicht größeren oberen Teil ein warmer, mehrfach cremig überrakelter Gelbton, schweflige Farbtöne des Kraters aufnehmend, vorherrscht, zieht sie über den Teller-Krater im unteren Teil wie eine Reflexion des südlichen Himmels ein eher blasses Blau, das sich mit der gelben Untermalung hier und da zu zarten, grau-türkisgrünlichen Schichten verbindet. Verdreht ist die künstliche Welt, der Himmel liegt nun unten auf einem Krater-Teller und darüber schwebt als rein ästhetisches Sublimat das Krater-Gelb.

Beim Betrachten ihrer Arbeiten wird mir klar, Helmi Ohlhagen malt nichts, was es nicht gibt, was sie nicht gesehen hätte. Allerdings nimmt sie sich die Freiheit des Veränderns und Interpretierens mit malerischen Mitteln.

Entsprechend des Ortes vieler ihrer Inspirationen gibt sie manchen ihrer Arbeiten auch griechische Titel, wie dem Bild Nostalgia, im Griechischen ‚Heimat‘ oder ‚Sehnsucht‘, was einen vollkommen anderen Klang erhält, als wenn es nur nostalgisch klänge.

Gemalt ist auf zwei hochformatigen Tafeln von je 180 x 90 cm, die zusammen ein Quadrat von 180 x 180 cm ergeben, weiße Farbe über graubraun, grüngrauem Hintergrund, von dem sich hier und da in der linken Tafel auch rötliche Flecken nach vorne drängen.
Im rechten Bildteil, etwa das untere Drittel der Bildtafel einnehmend, bildet sich ein zarter, etwas nebliger Raum heraus in dem sich eine grosse Schüssel mit steiler Wandung und nach außen umgewölbten Rand, wie sie für Putzzeug gerade gut ist, befindet. Eine ordinäre Plastikschüssel, ziemlich gebraucht scheinend und etwas versifft, aber mit der feinen Malerei in grau-grünen Farbtönen und rosa-weißen Schattierungen hoch ästhetisch. Helmi Ohlhagen thematisiert Alltägliches und seine Sublimierung anhand des einfachsten und billigsten Objekts, einer Spülschüssel.

Welche Sehnsucht, welche Heimat ist hier gemeint? Nisyros, die Heimat der Ruhe und Erholung, ist sicherlich auch gemeint, aber mehr noch als die immer wieder sehnsüchtig aufgesuchte Ferne, ist die Heimat, Zuflucht und Ort der Sehnsucht der Künstlerin das Atelier, in dem sie malt, rätselt, kratzt und entwickelt. Das Atelier, wo ihre einfachen Arbeitsgeräte und solche ordinären Plastikschüsseln stehen, in denen sie ihre Pinsel wäscht oder Farbe für Grundierung und Malerei mischt, Farbe für die großen Rakel oder Spachtel anrührt, wo sie die Schüsseln benutzt, die dann unversehens zum Bildthema werden, wie auch die jetzt gelbe Schüssel in Bowl 15. Helmi Ohlhagen ist hier also ganz bei sich, bei ihrer Tätigkeit. Hier dreht sich das Häßliche, der negative Wert des Ästhetischen, ins Schöne. Das überhaupt scheint das Thema von Ohlhagens Arbeiten zu sein.

Beim Betrachten ihrer Arbeiten entsteht mir die Frage, ob Helmi Ohlhagen tatsächlich Gefäße malt, oder ob diese eventuell nur ein Vorwand für Malerei sind.
Ohlhagen sammelt Keramik, also Gefäße. Als Studentin hatte sie schon manch glücklichen Fund auf Flohmärkten gemacht, wobei es heute eher feinere Stücke aus Auktionen und von Sammlern sind, die sie erwirbt. Das Gefäß, die Keramik liegt ihr am Herzen, aber nicht so sehr, dass sie sich nicht der Ambiguität zwischen Dargestelltem und Gemaltem oder Gemeintem in ihren Bildern bewusst wäre.

Bowl  #12 von 2013 zeigt exemplarisch, wie sie mit dem Thema umgeht, wie sie einen flächigen Raum erzeugt, der sich selbst durchdringt und herausbildet. Exakt knapp unterhalb der horizontalen Mitte des quadratischen Formates befindet sich eine vom engen Fuß weit ausschwingende Schale auf einer eigentlich zu schmalen perspektivischen Unterlage, so dass das Gefäß nach vorne abzufallen droht. Darüber sind breite vertikale Rakelspuren gezogen, die sich in Orange, Zinnober, Weiss, Rosa, ach was, einfach in vielfältigsten, schönsten Nuancen mit dem Untergrund mischen und aufgrund der in jeweils verschieden hoch horizontal angesetzten Rakel auch noch unterschiedliche Tiefenräume erzeugen. Die Schale ist Raum im Bildraum und wird durch flache Bildteile durchdrungen und aufgelöst.

„Today Only“ steht etwas großspurig über der immer gleichen Speisekarte des kleinen Restaurants auf Nisyros, in dem die Künstlerin so gerne sitzt. Obwohl das immer Gleiche mit dem Besonderen des „Nur heute“ angeboten wird, hat die Unveränderlichkeit suggerierende, immer gleiche Speisekarte auch etwas Tröstliches, will man doch die geliebten Orte immer wieder finden, wie man sie erinnert.
„Today Only“ ist aber auch ein trockener Kommentar zur Situation der künstlerischen Arbeit, der notwendigen Routine im Atelier, zu den immer wiederholten Arbeitsvorgängen des Vorbereitens der Malgründe, die Helmi Ohlhagen mit Sorgfalt aufträgt. Es ist ein Kommentar zum Mischen der Farben, der Vorgänge des Aufmalens der Becher, Schüsseln und Schalen, des Wegnehmens, Überrakelns, Kratzens, vor allem aber des langen Betrachtens, Einschätzens und Abwägens, ob das Bild nun so bleibt wie es ist, oder ob weitere Schritte und Vorgänge notwendig werden. Trotzdem ist es jedes Mal eine neue Situation, die ein anderes Bild erzeugt oder das gleiche Bild wieder und wieder verändert. Im Wiederholen der Techniken entsteht immer wieder Neues, und im Betrachten ihrer Bilder entdeckt man immer wieder Anderes und Neues, und Sie, verehrte Betrachter, können diese Vorgänge nachvollziehen und geniessen, „Today only!“

Der Textbeitrag ist erschienen im Katalog: Helmi Ohlhagen: Today Only: Malerei 2004–2014. Galerie am Dom Frankfurt und Lorraine Ogilvie Gallery (Hrsg). Frankfurt 2014.